Simon Molitor.

Biographische Skizze von L. v. Sonnleithner.

Die "Biographie universelle des musiciens" von F. J. Fétis ist ohne Zweifel das bedeutendste Werk dieser Art, welches die neuere musikalische Literatur besitzt. Es erschien 1835 bis 1844 in erster Auflage; im Jahre 1860 begann die Herausgabe der umgearbeiteten und sehr vermehrten zweiten Auflage, welche seither bis zum Anfange des Buchstabens P vorgerückt ist. Der Verfasser hat in älteren Werken ähnlicher Art, besonders von deutschen Gelehrten, sehr wichtige Vorarbeiten gefunden und dadurch die Mühen großentheils erspart, mit welchen ein Koch, Walter, Gerber und manche Andere ihre Materialien aufsuchen mußten. Fétis hat diese vorgefundenen Quellen reichlich benützt, aber auch durch eigene Forschungen viele Lücken ergänzt, einige Irrthümer berichtigt, manche Widersprüche zu beheben versucht. Neben diesen anerkennungswerthen Verdiensten hat er sich aber auch theilweise grobe Nachlässigkeiten, willkürliche Behauptungen und leicht vermeidliche Unrichtigkeiten zu Schulden kommen lassen, welche am allerwenigsten bei einer zweiten Bearbeitung eines solchen Werkes vorkommen sollten, wo der Hauptstoff bereits vorliegt. Wer sich mit solchen Arbeiten befaßt, ist mindestens verpflichtet, fortwährend die in den musikalischen Blättern erscheinenden biographischen Nachrichten im Auge zu behalten und zu benützen, wie auch in den Orten von musikalischer Bedeutung sich durch verläßliche Fachmänner die nöthigen Auskünfte und Belehrungen zu verschaffen. Dies hat aber Hr. Fétis nicht gethan, daher wir in der zweiten Auflage seiner "Biographie universelle" mitunter höchst auffallenden Irrthümern und Unrichtigkeiten bezüglich allgemein bekannter, in neuester Zeit vorgefallener Thatsachen begegnen, wobei Deutschland und insbesondere Oesterreich mit ganz besonderer Nachlässigkeit behandelt ist. Ich finde mich nicht berufen, in eine umfassende Darlegung und Verbesserung dieser Mängel einzugehen, welche beinahe ein eben so umfangreiches Buch wie diese Biographie nöthig machen würde; für diesmal will ich mich auf den kurzen Abriß des Lebenslaufes eines nicht unbedeutenden Mannes beschränken, welchem Fétis in seinem Leichtsinn die Existenz abzusprechen sich erlaubt. Im sechsten Bande der zweiten Auflage seiner Biographie findet sich ein Artikel: Molitor (Simon), in welchem bemerkt wird, daß unter diesem Namen in der "Allgemeinen Leipziger Musikzeitung" einige Aufsätze erschienen seien; Fétis fügt aber die Bemerkung bei: "Je crois être certain que ce nom de Simon Molitor est un des pseudonymes sous lesquels Kiesewetter se cachait, quand il voulait m'attaquer sur quelque point de doctrine ou sur des faits qu'il croyait mieux connaître que moi". Da ich nun durch eine Reihe von Jahren und bis zu seinem Tode mit dem wirklichen Simon Molitor, sowie mit dem Hofrathe Kiesewetter persönlich bekannt und befreundet war, so hat mich die eben angeführte Aeußerung des Hrn. Fétis sehr unangenehm berührt und mein Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit dieses ebenso fruchtbaren als oberflächlichen Schriftstellers wesentlich erschüttert. Kiesewetter war einer der offensten und geradesten Männer, die mir je im Leben vorgekommen sind, der seine Ansicht stets frei und ehrlich aussprach und sich nie hinter erdichteten Namen verbarg, wozu er auch keine Ursache hatte. Ob er in seinen gelehrten Streitigkeiten mit Fétis Recht oder Unrecht hatte, wird in der Folge die Geschichte der Tonkunst entscheiden; versteckter Angriffe aber hat er sich nie schuldig gemacht; und wenn Fétis vor ihm gestorben wäre, hätte er sich gewiß niemals einen hämischen Ausfall gegen den Todten erlaubt. Doch genug hievon; ich kehre zurück zu meiner heutigen Aufgabe, das Andenken eines mir befreundeten Ehrenmannes zu erhalten.

Simon Molitor *) war im November 1766 zu Neckarsulm (im heutigen Königreiche Würtemberg) geboren. Sein Vater, nach dem Wortlaute des Taufscheines scholarum praeceptor, aber ohne Zweifel zugleich Leiter der Kirchenmusik, hatte selbst verschiedene Kompositionen im Kirchenfache geliefert, und übersiedelte später nach Mergentheim, wo er als Kapell= oder Konzermeister im Dienste des deutschen Ordens starb. Der Sohn Simon erhielt schon im Knabenalter vom Vater den ersten Unterricht in der Tonsetzkunst, sowie im Violin= und Klavierspiele. Sein eigentliches Instrument war die Violine, deren virtuose Behandlung ihm später einen bedeutenden Ruf verschaffte. Ungeachetet seines ausgesprochenen musikalischen Talentes wollte aber der Vater keinen Virtuosen, sondern einen Schulmann aus ihm machen und ließ ihn studiren. Unser Simon wurde aber bald des Zwanges überdrüssig, entfernte sich ohne Wissen der Eltern von der Universität und begann in seinem achtzehnten Jahre ein fahrendes Virtuosenleben. Er durchzog Deutschland nach allen Richtungen, spielte in Orchestern, gab Konzerte und komponirte Konzert= und Kammermusik für verschiedene Instrumente und für Gesang. Auch eine Arie zu einem Lustspiele ist im Stiche erschienen. Schon zu Ende der achtziger Jahre kam er nach Wien, wo er bei Abbé Vogler die Komposition studirte **); von da ging er nach Italien und war 1796 und 1797 Orchesterdirektor in Venedig, wo er als ausgezeichneter Violinspieler in vielen Häusern die freundlichste Aufnahme fand. Die siegreichen Fortschritte der französischen Armee, die sich auch über Italien ausbreitete, bestimmten ihn, nachdem er sich ein kleines Vermögen erspart hatte, in das Elternhaus zurückzukehren, und da ein Bruder seines Vaters als Oberkriegskommissär in österreichischen Diensten stand, so trat er nach dem Wunsche seiner Familie 1798 als Beamter bei dem kaiserlichen Kriegskommissariate ein, von wo er später zum Verpflegsverwesen übertrat. Während des Feldzuges 1799 komponirte er patriotische Kriegslieder, welche Aufsehen machten und mit Begeisterung gesungen wurden. Die letzte musikalische Leistung aus jener Zeit war eine Guittarre=Schule, welche wesentlich beitrug, diesem, bald nachher zu großer Beliebtheit gelangten Instrumente die Bahn zu brechen. Von da an, bis zu seiner 1831 erfolgten Pensionierung, lebte er ausschließlich seinen Berufsgeschäften, leistete durch Eifer und Einsicht Bedeutendes in seinem Fache, wurde zu der angesehenen Stelle eines Ober=Verpflegsverwalters befördert und erhielt das Offizierkreuz der französischen Ehrenlegion und das Ritterkreuz des Baden'schen Zähringer=Löwenordens.

Molitor war nie verheirathet und hatte stets seine Einkünfte klug zu Rathe gehalten. Als er daher 1831 in den Pensionsstand trat, hatte er bereits ein nicht unerhebliches Vermögen zurückgelegt, und war in der Lage sich ganz seiner Lieblingsneigung, der Tonkunst, zu widmen. Er komponirte viele Lieder, welche nie in die Oeffentlichkeit gelangten, und harmonisirte auf interessante Weise alte Troubadourgesänge; mit vorzüglichem Fleiße aber widmete er sich musikalisch=geschichtlichen Forschungen und sammelte insbesondere mit großer Mühe Materialien zu einer Geschichte der Wiener Hofkapelle und der früheren Hof=Oper. Trotz seines vorgerückten Alters brachte er viele Stunden in der kaiserlichen Hofbibliothek und in den Archiven der Hofämter zu, um die geeigneten Quellen aufzusuchen und sich Auszüge davon zu machen; aber die übergroße Gewissenhaftigkeit und die zunehmende Altersschwäche ließen ihn nicht zum Abschluße kommen, so daß er endlich am 21. Februar 1848 im 82. Lebensjahre starb, ohne die Früchte seines vieljährigen Strebens erreicht zu haben. Der Verfasser dieser Zeilen war damals in der Lage, seine Notizen einzusehen und theilweise zu benützen, wodurch er sich veranlaßt fand, dieselben nach Thunlichkeit zu ergänzen, zu erweitern und bis auf die neueste Zeit fortzuführen, und so ein umfangreiches Material für eine künftige Geschichte der Oper in Wien vorzubereiten. Einzelne musikalisch=historische Aufsätze Molitor's erschienen in der "Leipziger allgemeinen musikalischen Zeitung"; so 1838 eine Ehrenrettung des kaiserlichen Hofkompositeurs Francesco Conti gegen eine von Mattheson verbreitete Anekdote; - und 1839 Bemerkungen zur Lebensgeschichte Emanuel's, genannt der Baron v. Astorga. Beide Arbeiten zeugen von gründlicher Forschung und Beurtheilung.

Simon Molitor war in seinen früheren Jahren ein fleißiger Tonsetzer. Die Guitarreschule, welche er gemeinschaftlich mit R. Klinger (richtig Wilhelm Klingenbrunner) herausgab, wurde zu ihrer Zeit häufig benützt; außerdem schrieb er viele Stücke für dieses Instrument, wie auch Solostücke für die Violine; letztere zum eigenen Vortrage bei seinen Kunstreisen. Noch im November 1825 wurde bei einem Maskenballe in den k. k. Redoutensälen, zum Vortheile der Pensionsgesellschaft bildender Künstler, die von ihm schon früher komponirte Musik zu den Menuetten und deutschen Tänzen wieder aufgeführt. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien besitzt in ihrem Archive 44 Musikstücke von seiner Komposition, deren Verzeichniß hier folgt.

Orchestermusik. ***) Ouvertüre in F.

Konzerte: Fünf Concerti per il Violino, in B, in D2/4, in A, in D4/4, und in C.
Concerto per Clarinetto principale, in B.

Quartette: Six Quatuors pour deux violons, Alto et Violoncelle in A, Es, B, F, G und C; bei dem zweiten Quartette vertritt die Klarinette die Stelle der ersten Violine.

Für die Guittarre: Versuch einer vollständigen methodischen Anleitung zum Guitarrespielen, nebst einem Anhange, welcher das Nothwendigste von der Harmonielehre nach einem vereinfachten Systeme darstellt. Von S. Molitor und R. Klinger. Wien in der chemischen Druckerei.
Grande Sonate pour Guitarre et Violon concertants, in F, op. 3, dediée à M. Kiesewetter; Vienne, imprimerie chimique.
Sonate pour Guitarre et Violon concertants, in F., op. 5, dédiée à Mad. Caroline de Polzer; Vienne, Artaria et Comp.
Grande Sonate pour Guitarre seule, in A-moll, op. 7, Vienne, Artaria et Comp.
Sonate pour Guitarre seule, in C, op. 10, dédiée à Mlle. Engelhardt; Vienne, Thadée Weigl.
Sonate pour Guitarre in C, mit einem Marsche; op. 12.
Sonate pour Guitarre in G, op. 15.
Rondeau avec un Adagio pour Guitarre in A-moll, op. 10 (?), dédiée à Mr. Joseph de Polzer; Vienne, Thadée Weigl.
Marche funèbre à la mort de mon ami François Tendler; ohne Opuszahl; Vienne, Thadée Weigl.
Récueil de petites pièces faciles de differents auteurs et un Rondeau original pour la Guitarre d'une difficulté progressive, 4 livraisons; Vienne, imprimerie chimique.
Sechs Ländler für die Guitarre allein, ohne Opuszahl; Wien bei Sauer.

Für das Pianoforte: Sextuor pour le Pianoforte, Flûte, deux Altos et Violoncelle, in G.
Six Polonaises pour le Pianoforte et le Violon concertants; op. 4 dédiée à Mlle. Josephine Holzmeister; Vienne, imprimerie chimique.

Tanzmusik: Six Menuets avec Trio's, für Orchester, komponirt in Donaueschingen 1799 zum Karneval.
Six valses avec Trios, für Orchester, eben da 1799 komponirt.
Douze Menuets, exécutés dans la grande salle des Redoutes Impériales à Vienne, à celle dite de Ste. Cathérine, l'an 1804; arrangés pour le clavecin et dédiées à Mlle. Nannette Frech noble d'Ehrimfeld, par l'auteur, Op. 1, gestochen ohne Angabe des Verlegers
Douze Menuetto's et Trio's pour l'orchestre.
Six valses avec Trio's pour l'orchestre.
Zwölf deutsche Tänze sammt Trio's und Coda für großes Orchester.

Für den Gesang: (Vier) Siegeslieder für drei Singstimmen ohne Begleitung, dem Erzherzog Karl von Oesterreich gewidmet; ohne Opuszahl; Augsburg bei Gombert.
"Jünglings=Rundgesang im Frühlinge (Lös't ab vom Stamm das Ephenlaub)" für Tenor= und Baßsolo, vierstimmigen Männerchor und Klavierbegelitung.
"Das Alter", Gesang für zwei Tenore und Baß=Solo und vierstimmigen Männerchor, mit Klavierbegleitung.
"Die drei Unbekannten", ein Nachtgesang; für drei Männerstimmen ohne Begleitung; Gedicht von General Baron Koudelka.
Arie aus dem Lustspiele "Der verliebte Verführer" ("Es will sich Amor rächen"), für Tenor mit Klavierbegleitung; Wien, 1805, bei J. B. Wallishauser.

Lieder für eine Singstimme mit Klavierbegleitung:
"An die Göttin Musik";
"Der schöne Traum, Phantasie";
"Am Scheideabend", von C. G. Leitner;
"Der Wunsch", von Beranger;
"Der blinde bettelnde Kriegsmann";
"Geisternähe", von Matthisson;
"Die Köhlerstochter", Cantate von C. G. Leitner;
"Der Senator"; ****)
"Das Alter";
"An meinen Arzt, zum Geburtstage";
"Des Sängers Beruf";
"Wenn ich ein Vogel wär'";
"Die Spätrose";
"Der Kranz";
"Fragen";
"Vergänglichkeit";
"Lebensmüde";
"Todtengräberlied", von Hölty;
"Mädchenlaune", von Schubart;
"Das Schloß Dunbar", von C. G. Leitner;
"Des Schifferjungen Abendfahrt", von C. G. Leitner;
"Der Mann für uns", von Boutterweck (mit Chor);
"Der Rattenfänger von Hameln", von Goethe;
"Der Schattengruß", von J.G. Seidl.

So lange es seine Gesundheit erlaubte, war Molitor ein eifriger Besucher guter Konzerte; bei zunehmender Kränklichkeit beschränkte er sich darauf, in seinem Hause Quartett=Aufführungen durch ausgezeichnete Kräfte zu veranstalten. Böhm, Jansa und andere vorzügliche Tonkünstler waren da zu hören. Dabei wurden nicht nur die Meisterwerke der neueren Zeit, sondern immer auch ältere Quartette gespielt, welche sonst nirgends zu hören waren, was für einen kleinen Kreis von Freunden und Kennern, welche dazu geladen wurden, (worunter z. B. Kiesewetter, Mosel, Baron Koudelka, Aßmayer, Grillparzer, Kuffner) in hohem Grade interessant war. Molitor hatte zu diesem Ende eine nahezu vollständige Sammlung aller Trio's, Quatuors und Quintuors für Streichinstrumente, welche jemals erschienen waren, angelegt, und selbe sogar durch eigenhändige Abschriften vermehrt. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat nach dessen Tode diese Sammlung aufgekauft und selbe der Gesellschaft der Musikfreunde verehrt.

Mannigfache Erfahrungen eines bewegten Lebenslaufes hatten Molitor's lebhaftem, ja reizbarem Temperamente eine Beimischung von Ernst und Zurückhaltung gegeben, welche durch Alter und Kränklichkeit noch vermehrt wurde. Dabei bewahrte er aber warmen Sinn für das Gute und Schöne und ein wohlwollendes Gemüth für die Leiden Anderer. Außer seinen Verwandten unterstützte er auch manchen hilfebedürftigen Kunstjünger; - und dem Wiener=Konservatorium widmete er eine Staatsobligation von 1000 fl. K. M. zur Gründung eines Stipendiums für eine talentvolle Gesangschülerin, unter dem Pseudonym "Rotil" seinen Namen verbergend, der erst später bekannt wurde. So ist denn dafür gesorgt, daß sein Andenken in Wien nicht erlöschen wird; daß dieses auch in der musikalischen Welt überhaupt erhalten bleibe, war die Aufgabe des vorstehenden Aufsatzes. Leider kann dies kaum geschehen, ohne die Existenz zweier anderer Molitore (B. Molitor und Sebastian Molitor) in Zweifel zu ziehen, welche Fétis und Schilling anführen. Die Werke, welche diesen zugeschrieben werden, sind zuverlässig von Simon Molitor, der seinen Vornamen oft nur mit dem Anfangsbuchstaben bezeichnete, dessen undeutlicher Schrift oder falscher Auslegung jene beiden Pseudo=Molitore ihre Scheinexistenz verdanken mochten.


*) Er unterschrieb sich auch öfter: Franz Simon Molitor.

**) So hat es Molitor selbst angegeben; doch scheint er sich in der Zeitbestimmung geirrt zu haben, da Vogler erst 1803 zu einem längeren Aufenthalte nach Wien kam. Anm. d. Verf.

***) Die Werke, bei welchen kein Druckort angezeigt ist, sind nur in der Handschrift vorhanden.

****) Dieses und die nachfolgenden Lieder befinden sich nicht im Besitze der Gesellschaft der Musikfreunde.


Quelle: Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik (X Jahrgang) 1864, zweites Halbjahr (Juli-Dezember), Wien, Druck und Verlag von J. Löwenthal, pp. 435-439.