GROSSE SONATE

für die

GUITARE

allein,

als Probe einer besseren Behandlung dieses Instruments,

von S. MOLITOR.


Vorrede.

Aelteste Geschichte der Lyra und Cyther. Die Erfindung eines Instrumentes, auf welchem der Ton durch das Schnellen einer gespannten Saite hervorgebracht wird, ist so natürlich und einfach, daß sie bei mehreren Völkerschaften gemacht worden seyn kann, und nicht eben nothwendig nur durch Ueberlieferung von einer auf die andern gekommen seyn muß.
  Richtig ist es, daß wir bei allen Völkern des Alterthums, so weit Fabel und Geschichte reichen, Guitare= (Cyther)=ähnliche Instrumente antreffen. Bei allen diesen Völkern fällt der Ursprung dieser Instrumente, zugleich mit jenem der Musik selbst, in die Zeiten der fabelhaften Vorwelt. [1] Bei allen sollten sie zuerst von Göttern und Heroen eingeführt worden seyn, welche zugleich erste Stifter der Staaten waren, [2] und hauptsächlich durch die göttliche Kunst der Töne die Menschen dem Stande der rohen Wildheit entrissen, und sie die Kunst gelehrt haben sollten, in Gesellschaft verbunden ein glücklicheres Leben zu führen.
Fortpflanzung der Musik von Egyptiern, Griechen, Römern, bis auf uns. So sehr aber auch die älteste Geschichte der Musik mit der Fabel verwebt ist; so können wir doch so viel bestimmt annehmen, daß unsre Kenntniß derselben, so wie unsre Kenntniß der meisten Künste und Wissenschaften, ursprünglich von den alten Egyptiern herrührt. [3] Von ihnen kam die Musik an die Griechen, bei welchen sie bekanntlich in so hohem Ansehen stand, daß sie sogar gesetzlich getrieben wurde, und schon einen höheren Grad von Vollkommenheit erreichte. Von da ward sie früh nach Italien verpflanzt, in der Folge von den Römern, wenn gleich nicht gesetzlich wie in Griechenland, doch mit nicht minderem Fortgang kultivirt, und verbreitete sich endlich von da über das übrige Europa.
Alter der Lyra und Cyther. Die Lyra und die Cyther sind, unter den Saiteninstrumenten wenigstens, unstreitig die ältesten. [4] Die Erfindung der Lyra ward von Egyptiern sowohl als Griechen einem Merkur (Hermes) zugeschrieben. [5] Die Cyther hingegen war den Griechen eigenthümlich, und bei diesen dem Apollo geheiligt. [6]
Worin diese beiden Instrumente verschieden waren. Ob und welcher Unterschied zwischen der Lyra und der Cyther bestanden habe, läßt sich bei so vielen widersprechenden Nachrichten schwer bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist es, daß beide Instrumente im Wesentlichen einander ähnlich, und nur in der äußeren Form und vielleicht in einigen Nebendingen in etwas verschieden gewesen seyen; [7] wie dann auch beide Benennungen oft miteinander verwechselt wurden. Dies nemliche ist auch von einigen andern Namen zu verstehen, welche nicht sowohl verschiedene Instrumente, als vielmehr nur verschiedene Arten und Formen der Lyra oder Cyther bezeichneten: dahin gehören Phormynx und Chelys, welches letztere mit Testudo, Schildkröte oder Laute übersetzt wird, jedoch mit der Laute der neuern Musik keineswegs verglichen werden darf. [8]
Noch einige Arten und Benennungen der Cyther bei den Griechen.
  Alle diese Instrumente bestanden aus einem ausgehölten Resonanzboden, von welchem zwey Hörner oder Arme ausgiengen, die wieder oben mit einem Quersteg verbunden waren, der zugleich der Befestigung der Saiten diente. Die Zahl der Saiten war verschieden: Die Lyra der Egyptier hatte ursprünglich nur drey Saiten; bei den Griechen hatte die Lyra und Cyther am gewöhnlichsten sieben; bis endlich Timotheus von Milet, ein Zeitgenosse des mazedonischen Philipps, die Zahl derselben auf seiner Cyther auf neun, nach andern sogar bis auf eilf, vermehrte. [9] Diese Instrumente wurden entweder mit den bloßen Fingern oder einem kleinen Stäbchen, Plektrum genannt, gespielt; im ersten Falle wurden die Saiten mit beiden Händen, wie auf unsrer Harfe, gegriffen.
Von den Saiten-Instrumenten der Griechen. Ausser der Lyra und Cyther und deren verschiedenen Arten waren bei den Griechen noch verschiedene Saiteninstrumente im Gebrauch, welche ganz eigentlich als Abstämmlinge von jenen anzusehen sind. [10] Sie lassen sich füglich in zwei Klassen theilen. Zur ersten rechne ich jene, auf welchen die Saiten dergestalt frei lagen, daß sie, wie auf unsren Harfen, mit den Fingern von beiden Seiten gespielt wurden; nemlich das Psalterion, Magadis, Simikon und Epigonion. Das Psalterion würde ich nach der Beschreibung und den Abbildungen, welche man davon hat, eine viereckige Harfe mit zehn Saiten nennen. [11] Von den übrigen ebenbenannten Instrumenten ist die Meinung, daß sie nur in der Zahl der Saiten und in der hiernach proportionirten Größe verschieden gewesen seyen: so hattte Magadas zwanzig Saiten, deren jedoch immer zwei in der Oktav gestimmt waren (mithin, wie wir es heut zu Tag nennen, 10 Chöre), Simikon 35, Epigonion 40. -- Ausser diesen gab es bei den Griechen auch ein Instrument, Trigonon genannt, welches, (wie es seine Benennung zeigt) dreieckigt war, von einigen für unsre Harfe gehalten, von anderen aber in die Klasse von Instrumenten gesetzt wird, von welchen ich nun gleich sprechen werde.
  In der zweiten Klasse begreife ich jene Instrumente, auf welchen die Saiten, wie auf unsern Cymbalen, auf einem Resonanzboden aufliegen, und also nur von einer Seite angeschlagen werden. Dahin rechnen einige das ebenbenannte Trigonon. Ferner glaube ich dahin zählen zu sollen die Nabla (wenn sie, wie Herr Forkel sagt, mit dem Nebel der Hebräer dasselbe Instrument war). Ihr Resonanzkasten bildete ein Viereck, dessen eine Seite ungefähr zweimal so lang war, als die entgegengesetzte. Dann werden als dahin gehörig genannt, der Barbiton und Sambuka, eine Art von Hakbret.
  [weiter]

  [1] So wenig irgend jemand die Sprache, die Baukunst, oder eine andere menschliche Kunst und Wissenschaft erfunden haben kann, eben so wenig kann auch jemand (in dem Verstand, nemlich, wie es gemeiniglich genommen zu werden pfelgt,) die Musik erfunden haben. Beinah jedes Volk giebt seine eigenen Erfinder der Künste an; welches im Grunde nichts anders heißt, als daß sie alle zu ihrer Zeit Personen unter sich gehabt haben, die in ihren Gegenden, ohne etwas von einander zu wissen, an der Verbesserung oder Vervollkommnung irgend eines Theils der Musik unter den ihrigen gearbeitet haben. Solche Personen waren vorzüglich Osiris, Jubal, Hermes oder Merkur, Cadmus, Chiron, Amphion, Apollo, Orpheus, Bardus, Thuisko, u. s. w.  Forkel's allgemeine Geschichte der Musik. 1. Band. S. 70.
  [2] Nur die Hebräer machen hierinn eine Ausnahme, indem sie Jubal den Erfinder der Musik nennen; der schon in das Zeitalter Jareds gehörte. Ebendas. S. 101.
  [3] Der jüdische Geschichtschreiber Philo berichtet, Moses habe von den Egyptiern die Arithmetik, Geometrie und die ganze Musik erlernt. Clemens von Alexandrien bezeugt das nemliche. Auch Pithagoras verdankt den Priestern dieses Landes den größten Theil seiner Wissenschaften, vorzüglich sein Kenntniß der Musik. Ebendas. 1. B. S. 73.
  [4] Wenn man die Theile betrachtet, woraus die Lyra besteht, so kann man ihr das höchste Alter nicht absprechen. Der Mensch war in seinem ersten Zustande ein Jäger, oder ein Fischer, und dasjenige Instrument ist gewiß das älteste, aus dessen Beschaffenheit man diesen Umstand am meisten erkennen kann. Die Lyra, die hauptsächlich aus zwey Stücken zusammengesetzt ist, bedurfte zu dem einen nur der Hörner eines Thieres, und zu dem andern der Schale eines Fisches. (Sieh das Schreiben des Herrn James Bruce an Herrn Dr. Burney über den Zustand der Musik in Abyßimion, in Burney's Geschichte der Musik.)
  [5] Auf welche Art Merkur zu dieser Erfindung gekommen sey, wird unter mehreren älteren Schriftstellern, die ihrer gedenken, am verständlichsten und wahrscheinlichsten von Apollodor (Lib. II) beschrieben. Der Nil, sagt er, nachdem er ganz Egyptien überschwemmt hatte, und wieder in seine Gränzen zurückgetreten war, ließ auf seinen Ufern eine große Menge von Thieren allerlei Art, und unter andern eine Schildkröte zurück, deren Fleisch von der Sonne so vertrocknet war, daß unter der Schale nichts als durch die Austrocknung angespannte und dadurch klingend gewordene Sehnen und Knorpel übrig gewesen. Merkur, der an den Ufern des Nils spazieren ging, stieß zufälliger Weise mit seinem Fuß an die Schale dieser Schildkröte, und wurde durch den Klang, den dieser Stoß hervorbrachte, so ergötzt, daß er dadurch zuerst auf die Idee von einer Lyra kam, welche er nachher in der Form einer Schildkröte verfertigte, und mit getrockneten Sehnen von todten Thieren bezog. Forkel's allgem. Geschichte der Musik 1. Band, Seite 82.
  [6] Ebendas. Seite 199.
  [7] Ebendas. Seite 200.
  [8] Ebendas. Seite 418.
  [9] Es wird vielleicht keinem meiner Leser unbekannt seyn, daß die Lazedämonier diese Saitenvermehrung des Timotheus nicht gestatten wollten. Als er in den Carnischen Spielen mit um den Preis streiten wollte, näherte sich ihm einer der Ephoren mit einem Messer und befahl ihm, diejenigen Saiten damit von seiner Cyther abzuschneiden, welche über sieben waren. Dies war nicht genug; er wurde durch eine feyerliche Rathsverordnung sogar aus der Stadt verwiesen. - Diese Verordnung ist so merkwürdig, daß ich nicht umhin kann, sie zum Vergnügen meiner Leser hier vollständig einzurücken:
"Demnach Timotheus, der Milesier, bei seiner Ankunft in unsrer Stadt unsre alte Musik entehrt, und die Lyra mit sieben Saiten verachtet; auch durch seine Einführung einer grösseren Menge von Tönen die Ohren unsrer Jugend verdorben, und durch die Anzahl seiner Saiten und die Neuheit seiner Melodie in unsre Musik einen weibischen und gekünstelten Karakter gebracht hat, anstatt des planen und ordnungsvollen, worin sie bisher erschien; nicht weniger auch weil er durch seine chromatischen Komposizionen, anstatt der enharmonischen unsre Melodie schändlich gemacht hat; so haben die Könige und Ephoren beschlossen, ihn dieser Umstände wegen zu verurtheilen, und zu verfügen: daß er die überflüssigen Saiten abreißen und bloß sieben Töne lassen soll, auch daß er aus unsrer Stadt verbannt, und dadurch männiglich gewarnt seyn soll, in Zukunft irgend eine unnütze Gewohnheit in Sparta einzuführen."
Indessen waren es nicht die Lazedämonier allein, welche sich gegen die Neuerungen des Timotheus empörten; ganz Griechenland that beinah das nemliche. Forkel's allgem. Geschichte der Musik. 1. Band Seite 300.
  [10] Ebendas. Seite 418. u. f.
  [11] Dieses Psalterion ist also von dem Instrument, welches heut zu Tag unter diesem Namen im Gebrauch ist, ganz verschieden, indem dieses unser Psalterium in die Klasse der Cymbalen gehört. Anmerk. des Verfass.